Die Bewertung von Kreditgesuchen ist eine Kunst und eine Wissenschaft zugleich. Anders als Banken, die auf jahrzehntelange Datenhistorien und komplexe Algorithmen zurückgreifen, müssen Sie als privater Geldgeber auf Ihren Verstand, Ihre Erfahrung und eine strukturierte Prüfmethode vertrauen. Jedes Kreditgesuch auf Plattformen erzählt eine Geschichte – aber ist diese Geschichte glaubwürdig? Passt der gewünschte Betrag zum Verwendungszweck? Ist die Laufzeit realistisch? Stimmen die Angaben zur Einkommenssituation mit dem Rückzahlungsplan überein? Diese und viele weitere Fragen müssen Sie beantworten, bevor Sie Ihr Geld verleihen. Die Herausforderung liegt darin, dass Kreditnehmer ihre Situation oft optimistischer darstellen, als sie tatsächlich ist – nicht aus böser Absicht, sondern weil sie selbst an ihre Pläne glauben. Ihre Aufgabe als Geldgeber ist es, mit kühlem Kopf die Fakten zu prüfen und realistische Risikobewertungen vorzunehmen.
Welche Angaben in Kreditgesuchen besonders wichtig sind
Ein gut formuliertes Kreditgesuch liefert Ihnen alle Informationen, die Sie für eine fundierte Entscheidung benötigen. Doch welche Angaben sind wirklich relevant, und worauf sollten Sie Ihr Augenmerk richten?
Der Verwendungszweck als Dreh- und Angelpunkt: Die wichtigste Information ist der Verwendungszweck. Wofür wird das Geld benötigt? Ein konkreter, nachvollziehbarer Zweck ist das erste Qualitätsmerkmal eines seriösen Kreditgesuchs. „Ich benötige 8.000 Euro für den Kauf eines gebrauchten Fahrzeugs für meinen Arbeitsweg“ ist deutlich aussagekräftiger als „Ich suche einen Kredit für verschiedene Zwecke“.
Prüfen Sie, ob der Verwendungszweck:
- Konkret und spezifisch formuliert ist
- Wirtschaftlich sinnvoll erscheint
- Zum geforderten Betrag passt
- Nachvollziehbar und realistisch wirkt
Die Einkommenssituation und Zahlungsfähigkeit: Ohne stabile Einnahmen kann kein Kreditnehmer seinen Verpflichtungen nachkommen. Achten Sie auf klare Angaben zur beruflichen Situation: Ist der Kreditnehmer angestellt, selbstständig oder in einer anderen Erwerbsform tätig? Wie hoch ist das monatliche Einkommen? Wie sicher ist dieses Einkommen?
Ein unbefristetes Arbeitsverhältnis im öffentlichen Dienst ist deutlich sicherer als ein befristeter Vertrag in der Probezeit. Selbstständige sollten belegen können, dass ihr Einkommen stabil und ausreichend ist. Bei der privaten Kreditvergabe müssen Sie diese Faktoren selbst bewerten – es gibt keine automatisierten Systeme, die Ihnen die Entscheidung abnehmen.
Bestehende Verpflichtungen und Schuldenlast
Ein oft übersehener, aber entscheidender Punkt: Welche finanziellen Verpflichtungen hat der Kreditnehmer bereits? Laufen bereits andere Kredite? Gibt es Unterhaltsverpflichtungen, Mieten oder andere feste Ausgaben?
Die Faustregel lautet: Nach Abzug aller festen Kosten sollten mindestens 20 bis 30 Prozent des Nettoeinkommens als „Luft“ übrig bleiben. Wenn ein Kreditnehmer mit 2.000 Euro Nettoeinkommen bereits 1.800 Euro feste Ausgaben hat und nun einen Kredit mit 250 Euro monatlicher Rate aufnehmen möchte, wird es eng. Solche Konstellationen bergen hohes Ausfallrisiko.
Bonität und Schufa-Information
Die Schufa-Auskunft ist bei der Bewertung von Kreditnehmern ein wichtiges Werkzeug, aber nicht das einzige. Ein negativer Schufa-Eintrag bedeutet nicht automatisch, dass jemand unzuverlässig ist – oft sind es temporäre Schwierigkeiten, die inzwischen überwunden sind.
Wichtiger als der reine Score ist die Erklärung: Warum gibt es negative Einträge? Wie alt sind sie? Was hat sich seitdem geändert? Ein ehrlicher Umgang mit der eigenen Bonität ist ein gutes Zeichen. Kreditnehmer, die ihre Situation transparent darstellen und Verbesserungen belegen können, verdienen oft mehr Vertrauen als solche mit perfekter Schufa, die aber vage in ihren Angaben bleiben.
Plausibilität von Zweck, Betrag und Laufzeit prüfen
Einer der wichtigsten Schritte bei der Bewertung eines Kreditgesuchs ist die Plausibilitätsprüfung. Passen die verschiedenen Angaben zusammen, oder gibt es Widersprüche?
Betrag und Verwendungszweck: Stimmt die geforderte Summe mit dem angegebenen Zweck überein? Wenn jemand 15.000 Euro „für kleinere Renovierungen“ anfragt, sollten Sie skeptisch werden – kleinere Renovierungen kosten selten so viel. Umgekehrt sind 3.000 Euro für den Kauf eines „zuverlässigen Gebrauchtwagens“ möglicherweise zu knapp kalkuliert.
Recherchieren Sie, was der angegebene Zweck typischerweise kostet. Ein Badezimmer renovieren kostet zwischen 8.000 und 20.000 Euro, ein gebrauchtes Mittelklassefahrzeug zwischen 8.000 und 15.000 Euro. Wenn die Zahlen nicht passen, fragen Sie nach.
Laufzeit und Rückzahlungsfähigkeit: Ist die gewünschte Laufzeit realistisch? Bei einem Kredit von 12.000 Euro über 24 Monate ergibt sich eine monatliche Rate von etwa 540 Euro (bei 6% Zinsen). Kann der Kreditnehmer diese Rate bei seinem angegebenen Einkommen und seinen Ausgaben stemmen?
Rechnen Sie nach:
- Nettoeinkommen minus feste Ausgaben = verfügbares Einkommen
- Verfügbares Einkommen sollte die Rate plus einen Puffer von 20-30% abdecken
Wenn die Rechnung nicht aufgeht, ist das Ausfallrisiko hoch – egal wie sympathisch der Kreditnehmer wirkt.
Zinssatz und Risikobereitschaft
Auch die vom Kreditnehmer angebotene Zinsspanne gibt Aufschluss. Jemand, der 8 bis 10 Prozent Zinsen anbietet, weiß, dass sein Risikoprofil nicht ideal ist. Das kann ehrlich und realistisch sein. Wer hingegen nur 2 bis 3 Prozent bietet, hat entweder keine Ahnung vom Markt oder versucht, sein Risiko zu verschleiern.
Marktübliche Zinsen für Privatkredite liegen zwischen 4 und 10 Prozent, je nach Bonität und Sicherheiten. Kreditnehmer, die realistische Zinsen anbieten, haben sich mit ihrer Situation auseinandergesetzt und sind vermutlich seriöser.
Der Kommunikationsstil als Vertrauensindikator
Wie jemand kommuniziert, sagt viel über seine Zuverlässigkeit aus. Achten Sie auf folgende Aspekte:
Reaktionsgeschwindigkeit: Wie schnell antwortet der Kreditnehmer auf Ihre Anfragen? Seriöse Kreditsuchende, denen ihre Finanzierung wirklich wichtig ist, reagieren zeitnah – in der Regel innerhalb von 24 Stunden. Wer tagelang nicht antwortet oder Fragen ignoriert, signalisiert mangelnde Ernsthaftigkeit.
Qualität der Antworten: Werden Ihre Fragen vollständig und sachlich beantwortet? Oder weicht der Kreditnehmer aus, bleibt vage oder reagiert gereizt? Ausweichendes Verhalten ist ein Warnsignal. Seriöse Kreditnehmer verstehen, dass Sie als Geldgeber Informationen benötigen, und liefern diese bereitwillig.
Sprachstil und Professionalität: Rechtschreibfehler können passieren, aber ein grundsätzlich schlampiger, umgangssprachlicher oder aggressiver Stil ist problematisch. Formulierungen wie „Brauche dringend Kohle, egal zu welchen Bedingungen“ wirken wenig vertrauenserweckend. Professionelle, höfliche Kommunikation signalisiert Seriosität.
Offenheit und Transparenz in der Kommunikation
Besonders aufschlussreich ist, wie Kreditnehmer mit kritischen Fragen umgehen. Fragen Sie nach:
- Bestehenden Krediten und Verpflichtungen
- Dem Grund für negative Schufa-Einträge
- Details zur Einkommenssituation
- Sicherheiten oder Bürgschaften
Seriöse Kreditnehmer beantworten diese Fragen offen und detailliert. Wer ausweicht, genervt reagiert oder plötzlich abblockt, hat möglicherweise etwas zu verbergen.
Warnsignale und rote Flaggen bei Kreditgesuchen
Erfahrene private Geldgeber entwickeln mit der Zeit ein Gespür für problematische Kreditgesuche. Diese Warnsignale sollten Sie kennen:
- Warnsignal 1: Widersprüchliche Angaben Die Angaben zum Einkommen, zu bestehenden Verpflichtungen oder zum Verwendungszweck widersprechen sich oder ändern sich im Verlauf der Kommunikation. Das deutet entweder auf Unehrlichkeit oder auf mangelnde Übersicht über die eigene Situation hin – beides problematisch.
- Warnsignal 2: Druck und Dringlichkeit „Ich brauche das Geld bis übermorgen“, „Es ist extrem dringend“ – übertriebene Dringlichkeit ist verdächtig. Warum hat der Kreditnehmer nicht früher geplant? Gerät er regelmäßig in solche Situationen? Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen.
- Warnsignal 3: Unklare oder wechselnde Verwendungszwecke Erst heißt es „für Autoreparatur“, dann „eigentlich auch für andere Dinge“. Solche Unklarheiten deuten darauf hin, dass der Kreditnehmer selbst nicht genau weiß, wofür er das Geld braucht – oder es verschleiern möchte.
- Warnsignal 4: Fehlende Bereitschaft zur Dokumentation Seriöse Kreditnehmer sind bereit, Einkommensnachweise, Kontoauszüge oder andere Belege vorzulegen. Wer sich dagegen sträubt oder Ausreden sucht, verheimlicht vermutlich etwas.
- Warnsignal 5: Unrealistische Selbsteinschätzung „Ich zahle das problemlos in 6 Monaten zurück“ bei einem Kredit von 15.000 Euro und einem Nettoeinkommen von 2.000 Euro – solche unrealistischen Versprechen zeigen mangelnde Finanzplanung.
Die NormFinanz GmbH und andere Finanzexperten raten: Vertrauen Sie Ihrem Bauchgefühl. Wenn etwas seltsam wirkt, ist es das meistens auch.
Checkliste zur systematischen Bewertung von Kreditgesuchen
Eine strukturierte Checkliste hilft Ihnen, keine wichtigen Aspekte zu übersehen. Gehen Sie bei jedem Kreditgesuch systematisch vor:
Formale Kriterien:
- Ist das Profil des Kreditnehmers vollständig ausgefüllt?
- Ist das Profil verifiziert?
- Gibt es Bewertungen von anderen Geldgebern (falls verfügbar)?
- Ist das Kreditgesuch klar und verständlich formuliert?
Inhaltliche Kriterien:
- Ist der Verwendungszweck konkret und nachvollziehbar?
- Passt der Kreditbetrag zum angegebenen Zweck?
- Ist die Laufzeit realistisch?
- Sind die angebotenen Zinsen marktüblich?
- Gibt es Angaben zur Einkommenssituation?
- Wurden bestehende Verpflichtungen offengelegt?
Bonitätskriterien:
- Wie ist die Schufa-Situation (falls bekannt)?
- Ist das Einkommen ausreichend und stabil?
- Stimmt die Rechnung: Einkommen minus Ausgaben minus geplante Rate?
- Gibt es Sicherheiten oder Bürgschaften?
Kommunikationskriterien:
- Wie schnell und vollständig werden Fragen beantwortet?
- Ist der Kommunikationsstil professionell und höflich?
- Zeigt der Kreditnehmer Transparenz und Offenheit?
- Gibt es Warnsignale oder rote Flaggen?
Ihr Gesamteindruck:
- Wirkt das Kreditgesuch insgesamt seriös?
- Haben Sie ein gutes Gefühl bei diesem Kreditnehmer?
- Würden Sie diesem Menschen auch persönlich Geld leihen?
Praktische Prüfschritte vor der Kreditvergabe
Bevor Sie sich endgültig entscheiden, sollten Sie folgende praktische Schritte durchlaufen:
- Einkommensnachweise anfordern Verlangen Sie aussagekräftige Unterlagen: Gehaltsabrechnungen der letzten drei Monate, Steuerbescheide oder bei Selbstständigen betriebswirtschaftliche Auswertungen. Diese Dokumente geben Ihnen Sicherheit über die tatsächliche finanzielle Situation.
- Schufa-Auskunft einholen Bitten Sie um eine aktuelle Schufa-Auskunft. Seriöse Kreditnehmer haben damit kein Problem – sie können diese kostenlos einmal jährlich anfordern. Die Schufa-Auskunft zeigt Ihnen nicht nur den Score, sondern auch Details zu bestehenden Krediten und negativen Einträgen.
- Verwendungszweck verifizieren Lassen Sie sich den Verwendungszweck nachweisen. Bei einem Autokauf könnte das ein Kaufvertrag oder zumindest ein Angebot sein, bei Renovierungen Kostenvoranschläge von Handwerkern. Diese Verifizierung schützt Sie vor vorgeschobenen Verwendungszwecken.
- Persönliches Gespräch führen Ein Telefonat oder Videochat gibt Ihnen zusätzliche Eindrücke. Wie kommuniziert der Kreditnehmer mündlich? Bleiben die Angaben konsistent? Wirkt die Person vertrauenswürdig? Der persönliche Eindruck ist ein wichtiger Baustein Ihrer Bewertung.
Die Bedeutung der Dokumentation
Dokumentieren Sie Ihre Prüfschritte sorgfältig. Speichern Sie alle Unterlagen, Korrespondenzen und Nachweise. Diese Dokumentation ist nicht nur für Ihre eigene Nachvollziehbarkeit wichtig, sondern auch für den Fall, dass später rechtliche Auseinandersetzungen entstehen sollten.
Risikobewertung und Scoring-System
Viele erfolgreiche private Geldgeber entwickeln mit der Zeit eigene Bewertungssysteme. Sie können sich ein einfaches Punktesystem erstellen:
Beispiel-Scoring:
- Verifiziertes Profil: +10 Punkte
- Unbefristete Anstellung: +15 Punkte
- Positive Schufa: +20 Punkte
- Konkreter, plausibler Verwendungszweck: +15 Punkte
- Realistische Laufzeit und Rate: +10 Punkte
- Sicherheiten vorhanden: +15 Punkte
- Professionelle Kommunikation: +10 Punkte
- Vollständige Unterlagen: +5 Punkte
Abzüge:
- Negative Schufa-Einträge: -10 bis -30 Punkte (je nach Schwere)
- Befristete Anstellung/Selbstständigkeit: -5 bis -10 Punkte
- Vage Angaben: -10 Punkte
- Warnsignale in der Kommunikation: -15 Punkte
Ab einer bestimmten Punktzahl (z.B. 60 von 100) investieren Sie, darunter lehnen Sie ab. Dieses System hilft Ihnen, objektiv zu bleiben und nicht aus dem Bauch heraus zu entscheiden.
Besondere Herausforderungen bei bestimmten Zielgruppen
Manche Kreditnehmergruppen erfordern besondere Aufmerksamkeit:
- Selbstständige und Freiberufler: Schwankende Einkommen und fehlende Gehaltsabrechnungen machen die Bewertung schwieriger. Verlangen Sie hier längere Zeitreihen (z.B. Einkommensnachweise über 12 Monate statt 3 Monate) und prüfen Sie die Geschäftssituation genauer. Wie lange besteht die Selbstständigkeit? Wie stabil ist die Auftragslage?
- Personen mit negativer Schufa: Hier müssen Sie besonders gründlich prüfen. Warum gibt es negative Einträge? Was hat sich seitdem geändert? Gibt es Belege für eine Stabilisierung der Situation? Bei negativer Schufa sollten Sie höhere Zinsen verlangen und idealerweise Sicherheiten einfordern.
- Ältere Kreditnehmer: Bei Rentnern ist das Einkommen meist stabil, aber niedriger. Prüfen Sie, ob die Rente ausreicht, um die Raten zu bedienen. Auch die Laufzeit sollte realistisch zur Lebenserwartung passen.
Die NormFinanz GmbH und andere Marktbeobachter stellen fest: Auch schwierigere Profile können gute Kreditnehmer sein – aber sie erfordern intensivere Prüfung und oft auch höhere Risikoaufschläge bei den Zinsen.
Von der Bewertung zur Entscheidung
Nach Abschluss Ihrer Prüfung müssen Sie eine Entscheidung treffen: Kredit vergeben oder ablehnen?
Diese Fragen helfen Ihnen:
- Passt dieser Kredit zu meiner Anlagestrategie?
- Ist das Risiko angemessen zur erwarteten Rendite?
- Habe ich alle notwendigen Informationen?
- Fühle ich mich mit dieser Investition wohl?
- Kann ich einen möglichen Ausfall verkraften (Diversifikation)?
Wenn Sie unsicher sind, lehnen Sie ab. Es gibt immer andere Gelegenheiten. Zwingen Sie sich nicht zu einer Investition, bei der Sie Bauchschmerzen haben.
Bei Zusage: Kommunizieren Sie klar die nächsten Schritte: Vertragserstellung, Auszahlungsmodalitäten, benötigte Unterlagen. Je strukturierter Sie vorgehen, desto professioneller wirken Sie – und desto reibungsloser läuft die Kreditvergabe.
Bei Ablehnung: Lehnen Sie höflich, aber bestimmt ab. Sie müssen Ihre Gründe nicht im Detail erläutern. Ein einfaches „Nach Prüfung Ihrer Unterlagen habe ich mich entschieden, nicht zu investieren. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Suche“ reicht völlig aus.







